Immer wieder entstehen völlig neue Märkte

Industrie 4.0 und das Internet der Dinge sind in aller Munde. Viele dieser Applikationen sind bereits mit der heute verfügbaren Kommunikationstechnik realisierbar. Der Absatz von Funkmodulen für M2M wie die von u-blox steigt - durch Unternehmen die Funkkommunikation neu für ihre Produkte entdecken.

Die mit dem Schlagwort Industrie 4.0 versehene Vernetzung von Maschinen und Anlagen in der Industrie beflügelt die Automatisierungstechniker. Bislang teure und aufwändige Monitoring-Systeme zum Beispiel scheinen nun einfach und preisgünstig realisierbar. Elektronik-Redakteur Harry Schubert sprach mit Rolf Aschhoff, SE Spezial-Electronic, und Armin Böshenz, u-blox, über die aktuelle Situation im M2M-Markt und dessen Herausforderungen.

In welchen Branchen und Anwendungsbereichen registrieren Sie eine wachsende Nachfrage nach Modulen für Wireless IoT?

Aschhoff: In der Automatisierungstechnik vereinfachen Funkverbindungen das Überwachen und Updaten von Maschinen. Fernwirken, fernwarten - die Konzepte an sich sind eigentlich nichts Neues, aber das kommt jetzt mehr und mehr.

Böshenz: Was wir heute ebenfalls als großen Markt sehen, ist das sogenannte Metering - also alles, was mit Gaszählern oder Stromzählern zu tun hat. Vom einfachen Ablesen bis hin zur Steuerung von Netzen, zu Smart Grids. Im Wesentlichen werden dort heute GSM-Module verbaut, aber der Trend geht zu UMTS und LTE. Wir bieten hier sogar ATEX-zertifizierte Module für Gaszähler an. Weiterhin sehen wir einen großen Bedarf im Gesundheitswesen und in der Medizintechnik. In Krankenhäusern werden die Apparate mehr und mehr vernetzt. Dadurch kann beispielsweise auch der Zustand von Patienten effektiver und sicherer überwacht werden. Weitere interessante Märkte sind Wearables, Sportkleidung, Schuhe, Uhren oder sogar Schmuck. Wir erleben es immer wieder, dass völlig neue Märkte entstehen. Ein Beispiel sind kommerzielle Drohnen. Vor fünf Jahren hat eine Firma in Deutschland ihre erste Drohne vorgestellt, die mit einem unserer GPS-Module ausgerüstet war. Inzwischen ist das ein Riesenmarkt mit Millionen Stückzahlen. Diese Entwicklung war vor vier oder fünf Jahren nicht abzusehen. Den nächsten großen Markt sehen wir in eCall-Anwendungen bis hin zu selbstfahrenden Automobilen. Wir entwickeln hier Produkte basierend auf Standards, die Car-to-Car-Kommunikation unterstützen, und haben dementsprechend in Forschung und Entwicklung investiert. In der Masse sehen wir diesen Markt zwar erst für 2020 voraus, aber für uns ist klar: Dahin geht der Trend.

Im Bereich M2M treten aktuell etliche neue Standards auf. Bedeutet dies, dass Sie immer mehr Funkstandards in Ihren Modulen implementieren müssen?

Böshenz: Wir gehen nicht in die Breite. Wir fokussieren uns auf die Standards, in denen wir das höchste Potenzial sehen. Es gibt viele konkurrierende Funkverfahren, auch proprietäre. Wir bevorzugen allerdings etablierte Standards. Das hat den Vorteil, dass unsere Produkte kompatibel sind und dass bestehende Infrastrukturen genutzt werden können. Ein Beispiel hierfür ist Narrow Band IoT. Wir arbeiten hier unter anderem mit Vodafone und Huawei an der Realisierung eines neuen Standards, der es erlaubt, sehr kleine Datenmengen über Mobilfunknetze, zum Beispiel LTE, zu transportieren - und das äußerst kostengünstig bei einer sehr, sehr niedrigen Stromaufnahme. Die Technik hierfür ist schon da, der Standard noch nicht. Wir erwarten in naher Zukunft allerdings eine Standardisierung, sodass erste Projekte in den nächsten zwei Jahren umgesetzt werden können. Durch die ersten gemeinsamen Tests mit Vodafone und Huawei sind wir uns sicher, dass der Standard, auf den u-blox setzt, zukunftsfähig ist.

Aschhoff: Speziell für kleinere Industriekunden spielt das Thema Standards übrigens oft gar keine so große Rolle, wie man vielleicht vermuten möchte. Denen kommt es in erster Linie vor allem erst einmal auf eine möglichst einfache Handhabung der benötigten Wireless-Komponenten an. Wichtiger ist es, dem Entwickler ein fertiges, möglichst sofort einsetzbares Funkmodul anbieten zu können. Denn wer weniger eigenen Entwicklungsaufwand betreiben muss, spart Geld und kann mit seinem eigenen Produkt zudem schneller am Markt sein. Die Frage der Standards steht da ganz hinten an. Im Industriesektor haben wir viele Kunden, die insgesamt nicht mehr als 500 Module benötigen. Wenn die anfangen, sich erst einmal jahrelang über künftige Standards Gedanken zu machen, werden sie ihr Produkt nie zur Marktreife bringen. Die schauen sich in der Regel sehr genau an, was aktuell zur Verfügung steht, und dann entscheiden sie. Die rasant steigende Zahl dieser Kunden mit kleinen und mittleren Stückzahlen stellt übrigens eine riesige Herausforderung für unseren technischen Support dar. Viele dieser Unternehmen bringen nur wenig oder noch gar keine eigene Entwicklungserfahrung im Umgang mit Funktechnik mit. Hier müssen wir, als seit jeher stark Design-in-orientierter Distributor, oftmals ganz massiv technische Hilfestellung leisten, weshalb wir für den süddeutschen Raum auch händeringend nach weiteren, entsprechend gut qualifizierten HF-Ingenieuren suchen.

Böshenz: Das sehen wir auch, wobei u-blox mit seinem extrem Technik-orientierten Produktportfolio und seiner Innovationskraft natürlich ein sehr attraktiver Arbeitgeber für Ingenieure ist. Unsere Kunden möchten ein Produkt so schnell wie möglich auf den Markt bringen. Das Produkt muss zuverlässig sein, es muss funktionieren, die Unterstützung während der Design-in-Phasen muss stimmen und am Schluss muss der Kunde damit auch noch etwas Geld verdienen. Es muss sich unterm Strich rechnen. Das Thema Standards ist für Kunden eher aufgrund Produktverfügbarkeit und Marktanforderungen wichtig. Wir als Hersteller müssen allerdings heute schon die Weichen für Produktentwicklungen stellen, die erst in drei, vier Jahren auf den Markt kommen. Deshalb müssen wir uns schon sehr genau anschauen, welche Standards vorhanden sind bzw. sich aller Warscheinlichkeit nach durchsetzen werden, sprich: was wird in drei, vier, fünf Jahren gebraucht. Wir setzen hier sehr stark auf LTE und Narrow Band IoT sowie auf verschiedene WiFi- und Bluetooth-Standards.

Was wird der von Ihnen angesprochene neue LTE-Standard für kleine Datenmengen können?

Böshenz: Man hat heute 2G-Netze, 3G-Netze und 4G-Netze - parallel. Obwohl 2G-Netze von der großen Masse der Anwendungen, nämlich den Mobiltelefonen, praktisch gar nicht mehr genutzt werden, ist dieser Standard bei M2M-Anwendungen noch weit verbreitet. In Amerika wird allerdings schon aktiv an der Abschaltung der 2G-Netze gearbeitet - AT&T zum Beispiel hat dies für Ende 2016 angekündigt. Entsprechend weit verbreitet sind heute 3G-Netze. 3G ist aber eine recht aufwändige Technik und bietet im Vergleich zu 4G auch gar nicht den Nutzen, den man sich ursprünglich erhofft hat. Der Trend geht deshalb zu 4G/LTE. Hier stellt sich nun die Frage: Wie kann ich dem Kunden eine Möglichkeit zur Verfügung stellen, mit einem kostengünstigen Modul auf einfachste Weise kleine Datenmengen zu übertragen? LTE Cat 1, LTE Cat 0, LTE Cat M und Narrow Band IoT - das sind die Standards, über die man heute spricht; innovative Funktechniken, in denen mit kleinen und kleinsten Datenmengen auf bestehende LTE-Infrastrukturen aufgesetzt werden kann. Es ist absehbar, dass die 2G- und 3G-Netze in Zukunft durch LTE ersetzt werden. Wer hohe Datenraten braucht, überlegt heute schon, LTE zu nutzen. Und wer kleine Datenraten braucht, der fragt sich: Mir reicht eigentlich 2G, das ist günstig und die Netzabdeckung in ganz Europa ist hervorragend, aber wie lange gibt es diese Netze noch? Und das ist genau der Punkt: Das 2G-Netz wird irgendwann wegfallen, je nach Region und Provider unterschiedlich schnell. Die Mobilfunkbetreiber ihrerseits müssen sich Gedanken machen, wie sie LTE in diesen Markt bringen, und das Thema der sehr hohen Anzahl an M2M-Geräten mit geringen Datenraten adressieren.

Ist der europäische Markt in diesem Bereich der M2M-Kommunikation führend oder sind die Asiaten den Europäern voraus?

Böshenz: Wir sehen den europäischen Markt als sehr stark und gereift, da wir hoch industrialisiert sind und viele Kunden auch im Bereich Automatisierungstechnik tätig sind. Typischerweise haben die Amerikaner, was die Technik betrifft, z.B. im Bereich LTE, einen kleinen Vorsprung. Wir haben aber in allen drei Vertriebsregionen - EMEA, Americas, Asien - diese Themen betreffend ungefähr die gleichen Aktivitäten.

Wie wichtig ist Ihren Kunden der Aspekt Schutz und Sicherheit bei der Datenübertragung?

Aschhoff: Unsere Erfahrung ist, dass den meisten Industriekunden die auf den Modulen integrierten Sicherheits-Features für ihre Anwendungen bislang offensichtlich vollkommen ausreichen.

Böshenz: Es gibt einige Verschlüsselungsstandards bei der Datenübertragung. Zum Beispiel haben wir SSL-Verschlüsselung standardmäßig in unseren Modulen implementiert und das nutzen unsere Kunden auch. Das Thema Sicherheit im Allgemeinen und die Frage, wem gehören am Schluss die Daten, wird aber mehr und mehr hinterfragt.

Welche Neuheiten präsentiert u-blox auf der Embedded World?

Böshenz: Wir stellen auf unserem Stand und bei SE Spezial-Electronic gleich eine ganze Reihe von neuen Produkten vor. Im Bereich mobiler Kommunikation freuen wir uns, das weltweit kleinste 5-Band-HSPA/GPRS-Mobilfunkmodul Sara-U201 für den globalen Einsatz vorzustellen. Im Bereich WiFi/Bluetooth präsentieren wir mit Lily-W1 ein neues, Host-basiertes WiFi-Modul sowie eine neue Standalone-Modulfamilie für Bluetooth Low Energy: Nina-B1. Im Bereich der Positionierung haben wir in diesem Jahr zwei wirkliche Knaller: Neo-M8U, das weltweit erste von der Fahrzeugsensorik unabhängige GNSS-Modul für Koppelnavigation und Neo-M8P, ein einfach zu integrierendes hochpräzises GNSS-Modul, mit dem sich Positionsbestimmungen bis in den cm-Bereich durchführen lassen - und das zu einem sehr günstigen Preis.

Rolf Aschhoff verfügt über jahrzehntelange Management-Erfahrung in der Elektronikbranche. Bevor er als Vicepresident Sales & Marketing zu SE Spezial-Electronic wechselte, stellte der gebürtige Dortmunder seine Fähigkeiten viele Jahre erfolgreich als Sales & Marketing Director der Epson Electronics Europe GmbH und Sales & Marketing Director für den Timing-Bereich der MSC Vertriebs GmbH unter Beweis.

Armin Böshenz hat seit Abschluss seines Studiums der Elektrotechnik an der TU München sehr erfolgreich in verschiedenen operativen Funktionen und Managementpositionen der Halbleiterbranche gearbeitet. Heute kann er auf fast 20 Jahre internationaler Vertriebs- und Marketingerfahrung im Bereich elektronischer Komponenten zurückblicken und arbeitet als Area Sales Manager bei u-blox.

 

Quelle: http://www.elektroniknet.de Ausgabe 04/2016